Kurzbeschreibung: Kurz vor der Jahreswende 2020 wurde in einer Sonderausgabe des ZEIT Magazins beschrieben, wie die Menschen im Jahr 1010 gelebt und gearbeitet haben, was sie glaubten, wovon sie träumten. Sie gehen in "Der rote Judas" ein Jahrhundert zurück. Weshalb haben Sie Ihren ersten Kriminalroman im Jahr 1920 angesiedelt – und nicht zum Beispiel 1930? 1930, tja, da fragen Sie mich was. Man denkt sofort die Jahreszahl 1933, und das fühlt sich monströs an, oder? Zumal nach den vielgepriesenen "Goldenen Zwanzigern", die vorausgingen. Waren die wirklich so "golden", oder hatte die Zeit da eine Werbeagentur engagiert, um sich uns Nachgeborenen in günstigem Licht zu präsentieren? Sicher – an den Ersten Weltkrieg zu denken und an 1918, 1919 und so fort, das fühlt sich erst einmal auch monströs an. Wer vermag sich schon vorzustellen, was damals los war? Ich konnte das nicht wirklich vor der Arbeit an diesem Buch. Und wer will sich schon vorstellen, was 1933 los war? Ich glaube, ich will den Weg verstehen, den die deutsche Gesellschaft von 1918 bis 1933 gegangen ist, also setze ich meine Figuren auf diesen Weg, begleite sie, versuche zu sehen und zu fühlen, was sie sehen und fühlen, und mit ein bisschen Glück und Geschick lernen ich und meine Leser*innen ein wenig zu verstehen. Danach schauen wir mal, wie monströs 1933 sich noch anfühlen wird. Man hätte sich die Geschichte um die "Operation Judas" auch gut in Berlin oder Hamburg, in den Zentren der deutschen Arbeiterbewegung, vorstellen können. Sie scheinen ein besonderes Faible für Leipzig zu besitzen. Was fasziniert Sie an Ihrer erklärten "deutschen Lieblingsstadt"? Als ich 1998 zum ersten Mal mit dem Zug nach Leipzig hineinrollte, sah ich durchs Waggonfenster eine riesige Kuppel aus Backstein und zerbrochenem Glas aus den Sommerbäumen herausragen, eine Industrieruine, vermute ich. Die hat mich sofort fasziniert. In der Stadt dann alte heruntergekommene Häuser neben frisch renovierten und altes Kopfsteinpflaster zwischen neu asphaltierten Strecken. In der Kneipe dann offene Gesichter, kontaktfreudige Menschen und Musiker, die eine Art Wohnzimmerkonzert für Freunde gaben. Weil mein Jüngster in Leipzig studiert hat, kam ich in den Nullerjahren öfter in die Stadt – und siehe da und bis heute: Immer noch folgt in etlichen Vierteln Neoklassizismus auf Brachfeld und restaurierter Jugendstil auf Ruine. Manches Viertel ist noch immer leicht bis mittelschwer angesifft, was ich charmant finde, in den wenigsten Kneipen trifft man auf Schickimickigehabe, und in der Stadt herrscht eine irgendwie lässige Atmosphäre, in der einer wie ich durchatmen kann. Vor allem in der Südvorstadt und in Connewitz, dem "politisch korrektesten Viertel Deutschlands", wie mein Jüngster behauptet. Und dann natürlich "der Leipziger an sich" … Ich höre jetzt lieber auf. Was fasziniert mich an meiner deutschen Lieblingsstadt? Hier noch die Kurzversion meiner Antwort: dass sie so unperfekt ist. Einige Stichworte zum historischen Kontext Ihres Krimin ..
|