Kurzbeschreibung: Steffen Schroeder, wie sind Sie auf Anita B. gestoßen, und was hat Sie auf die Idee gebracht, einen Roman über sie zu schreiben? Das Gemälde "Bildnis der Tänzerin Anita B." von Otto Dix hat den Impuls gegeben. Als ich es vor ein paar Jahren in Stuttgart im Original sah, fragte ich mich: Warum malt Otto Dix eine Sechsundzwanzigjährige, als sei sie eine alte Frau? Ich habe begonnen, zu Anita B. zu recherchieren, und war sofort fasziniert. Und auch ein bisschen verliebt. Niemand anderer verkörpert für mich all das Neue, Wilde und Gegensätzliche, den Wahnsinn dieser Zeit, der 1920er, so wie sie. Gemessen daran, dass sie für viele ein Vorbild war – Marlene Dietrich kopierte ihren Stil –, ist sie leider ziemlich vergessen. Ich wollte sie wieder ins Bewusstsein rücken und dabei auch den Menschen hinter der Ikone entdecken. Wie war es für Sie als Mann, das Leben einer Frau zu erzählen, sich in sie hineinzuversetzen? Darüber habe ich mir durchaus Gedanken gemacht. Ich finde, Anita B. war eine Frau mit einer sehr "männlichen" Seite. Sie hat sich als Künstlerin viel mit Gegensätzen beschäftigt, mit den unscharfen Rändern der Gesellschaft, mit dem Dazwischen. Deshalb hat es für mich sehr gut gepasst. Und wir haben ja den gleichen Beruf, mit ähnlichen Erfahrungen auf der Bühne, vor der Kamera. Die Ängste und Nöte von Schauspieler:innen – da hat sich in mancherlei Hinsicht in hundert Jahren nicht viel verändert. Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet? Ich habe viel in Wien und Berlin recherchiert, teilweise in München, auch sehr viel über die Zeit gelesen. Knapp zwei Jahre habe ich an diesem Roman geschrieben. Sie haben viel über Anita Berbers Zeit, die Zwanzigerjahre, recherchiert. Sind Sie auf Überraschendes gestoßen, haben Sie unerwartete Entdeckungen gemacht? Ich bin immer wieder überrascht, wie weit damals bereits gedacht wurde. Dass die Idee des Tonfilms früh entstand, ist bekannt. Das war übrigens sehr umstritten, man fürchtete, der Film verliere dadurch seine Internationalität. Außerdem wollte man sich im Kino miteinander unterhalten. Auch der Farbfilm stand früh auf der Agenda, viele der sogenannten Schwarz-Weiß-Filme waren damals farbig, man kolorierte sie in aufwendiger Handarbeit nach. Völlig neu war mir, dass man sich 1920 bereits konkret Gedanken über den 3D-Film machte, der damals "plastischer Film" hieß. Insgesamt ist mir noch mal bewusster geworden, wie viele Parallelen es zur jetzigen Zeit gibt: Elektroautos fuhren damals durch Berlin, russische Truppen standen kurz vor Kiew. Und vor allem die gesellschaftlichen Veränderungen: die Emanzipation der Frau, das Aufbrechen der alten Geschlechterrollen, die Enttabuisierung der Homosexualität. Und man erkennt, wie fragil Errungenschaften wie Freiheit und Demokratie sind – innerhalb kürzester Zeit kann sich alles wieder ändern. All das macht diese Zeit für uns heute besonders spannend. ..
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