Kurzbeschreibung: In Ihren Romanen kommt ja Wien nicht besonders gut weg. Wo bleibt die Romantik der Ringstraßenzeit, die Kaiserin Sissi, der gütige Kaiser, die Heurigenseligkeit? Natürlich ist Wien für mich die schönste Stadt des Universums. Es ist meine Heimatstadt, die ich liebe. Ich habe allerdings ein Problem mit der Geschichtsverkitschung. Meine Generation war in der Kindheit einem gnadenlosen Bombardement aus Sissi- und Hans Moser Filmen ausgesetzt. Man konnte damals den Eindruck haben, Österreich sei ein Land etwas zurückgebliebener aber liebenswerter Schnapsdrosseln und depressiv-sentimentaler Adeliger. Diese Art biedermeierlicher Nabelschau mag aus dem Zeitgeist der Nachkriegszeit heraus verständlich sein, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Österreich-Ungarn war ein imperialistischer Militärstaat. Und Kaiser Franz Josef war ein konservativer Kaiser, der die Wünsche seiner Untertanen nach mehr Freiheit mit aller Macht unterdrückte und sie zu tausenden auf dem Schlachtfeld opferte. Wien war zwar ein kulturellerer Mittelpunkt, aber Ende des 19. Jahrhunderts auch eine Großstadt wie jede andere. Paris, London, Berlin hatten die gleichen Probleme: Arbeiterelend, Wohnungsnot, rücksichtslose Ausbeutung, Prostitution, Seuchen. Aber das hat den Herrscher eher wenig interessiert, und seine Gemahlin schon gar nicht. Warum haben Sie das Jahr 1880 gewählt? Ich finde, es ist eine extrem spannende Zeit. Franz Josef befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. 1878 hat er Bosnien-Herzegowina besetzt, was für ihn ein großer Erfolg war. Das koloniale Interesse der Habsburger galt dem Balkan und der Zerfall des Osmanischen Reiches bot die ideale Voraussetzung für eine Gebietserweiterung. Nach dem Börsenkrach von 1872 begann sich die Wirtschaft langsam zu erholen, die Industrialisierung und damit die Ausbeutung der Arbeiter befanden sich auf dem Höhepunkt, die Prostitution blühte, Geschlechtskrankheit wüteten, die Sozialdemokraten formierten sich. Der Erfolg am Balkan gab dem von schweren Niederlagen geschwächten Militär neuen Auftrieb. Der Ermittler Leopold Kern hat für die Pracht des Ringstraßenausbaus wenig übrig… Eine 25 Jahre währende Riesenbaustelle im Herzen der Stadt hat wohl niemandem Freude bereitet. Denken Sie nur an die Verkehrsbehinderungen, den Lärm, und den Staub. Das wird ebenso ausgeblendet wie der Wandel von der Biedermeier- zur Gründerzeitstadt. Tausende Häuser wurden abgerissen und die Mieter gingen mit Sicherheit nicht freiwillig aus ihren Wohnungen. Dazu kam der massenhafte Zuzug aus den Kronländern. Kern hat den Ausbau der Ringstraße seit seiner Jugend miterlebt und schon beim Abbruch der Stadtmauern gearbeitet. Er hat die Welt der Arbeiter ebenso hautnah miterlebt, wie die Halbwelt und die Prostitution. Er kennt die dunkle Seite der Gründerzeit. Als Polizist werden ihm aber auch seine Grenzen aufgezeigt… Das Militär war damals closed shop. Die mochten es gar nicht, wenn Zivilisten in ihren Angelegenheiten herumwühlten. Und der Adel h ..
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