Kurzbeschreibung: Liebe Judith Taschler, in „Nur nachts ist es hell“ erzählt Elisabeth einer Person die Geschichte ihres Lebens. Warum haben Sie sich für diese Perspektive entschieden? Ich mag diese Erzählperspektive gerne, ich habe sie auch bereits in meinen Romanen „Sommer wie Winter“ und „bleiben“ verwendet, allerdings in einer ganz anderen Form. Man spürt beim Schreiben in Ich-Form eine engere Verbindung zur Figur. Es ermöglicht eine komplexe Gedanken- und Gefühlswelt auf eine sehr direkte Art und Weise darzustellen, dadurch befinden sich die Leser:innen sofort mitten im Geschehen. Außerdem baut sich für diese eine gewisse Neugier auf: Wem wird die Geschichte erzählt? Gibt es ein Vorbild, eine Inspiration für die Erzählerin? Inspiriert hat mich die erste in Österreich praktizierende Ärztin, Frau Dr. Gabriele Possanner. Während der Corona-Pandemie bin ich durch Zufall auf einen Artikel über sie gestoßen. Da an den österreichischen Universitäten Frauen noch nicht zum Studium zugelassen waren, studierte sie in Zürich und Genf Medizin. In der Schweiz erkannte man ihr österreichisches Maturazeugnis nicht an, daher musste sie obendrein ein zweites Mal die Reifeprüfung ablegen, 1893 promovierte sie zum Dr. med. Zurück in Österreich, kämpfte sie um die Nostrifizierung ihres Doktorats, erst nach einem Gnadengesuch an Kaiser Franz Joseph erhielt sie die Genehmigung alle 21 Rigorosen an der Wiener Universität zu wiederholen. Im April 1897 promovierte sie als erste Frau an der Universität Wien und eröffnete eine Praxis, sie war 37 Jahre alt. Ihre Zielstrebigkeit und ihr Durchhaltevermögen haben mich beeindruckt. Ich schrieb zu der Zeit an „Über Carl reden wir morgen“ und hatte dann die Idee, die Schwester der Zwillinge Carl und Eugen eine Ärztin sein zu lassen. Dahingehend legte ich die Figur der Elisabeth Brugger an: Sie möchte allen Widrigkeiten zum Trotz Ärztin werden und sich auf Gynäkologie und Geburtshilfe spezialisieren. Gegen Ende des Buches beginnt sie zu studieren, in Nur nachts ist es hell wird ihre Geschichte fortgesetzt. Natürlich hat sie nicht derart große Schwierigkeiten wie Frau Dr. Possanner zu überwinden, da sie erst 1919 zu studieren beginnt. Von 1900 (seither sind Frauen zum Medizinstudium zugelassen) bis 1919 wurde der Weg für die weiblichen Studenten von den Vorreiterinnen doch schon etwas geebnet. 1914 studierten 188 Frauen in Wien Medizin, 1912 gab es 24 praktizierende Ärztinnen, 1929 bereits 453. Der Roman erzählt unter anderem eben auch Medizingeschichte. Was hat Sie an diesem Thema fasziniert? Am meisten fasziniert mich in der Medizingeschichte der Aspekt, inwiefern Erkrankung und frühzeitiger Tod eines politisch Mächtigen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben. Dieser Aspekt führt zur spekulativen Frage: Was wäre gewesen, wenn … und das finde ich reizvoll. Ein Beispiel: Was wäre gewesen, wenn der (liberale) preußische König Friedrich III. nicht nach 99 Tagen Regierungszeit an Kehlkopfkrebs gestorben wäre, wäre es dann auch zur Urkatast ..
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