Kurzbeschreibung: Sie haben Literatur, Film und Geschichte studiert und arbeiten als freie Journalistin in Berlin. Nun haben Sie Ihren Roman „Gezeitenkinder“ veröffentlicht. Sie erzählen darin von einer jungen Pflegerin, die ihre erste Stelle in einem Kindererholungsheim auf Norderney antritt. Nach und nach erkennt sie, dass die Schatten des Nationalsozialismus bis in die 1960er Jahre reichen, was die Erziehungs- und Heilmethoden als auch die Schicksale der Menschen betrifft. Warum haben Sie als Handlungsrahmen für Ihren Roman ein ostfriesisches Kindererholungsheim in der Nachkriegszeit gewählt? Mich faszinieren Widersprüche, Rätsel und Doppelbödigkeiten: vermeintliche Schutzräume, scheinbar friedliche Landschaften, ein vordergründig barmherziges Miteinander – gerade in Mikrokosmen wie Inseln, Familien oder Heimen. Zudem haben mich die Erinnerungen meiner Mutter aus ihrer Zeit als Kinderpflegerin auf Norderney zu intensiver Recherche inspiriert. Heim Strandhafer beispielsweise fußt auf Informationen von über 30 Kinderheimen. Schwarze Pädagogik, dubiose Heilmethoden, kriegstraumatisierte Erwachsene und Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen: Wie gelingt es der jungen Protagonistin, ihren Weg zu finden und die dunklen Geheimnisse aufzuklären? Auch Hanna verbirgt etwas, aber ihre Empathie sorgt dafür, dass sie nach Ursachen und Zusammenhängen sucht. So wie während des Brandes, bei dem einige Kinder und der Hausmeister Wilko in Mitleidenschaft gezogen werden. Oder als sie dem jungen Niederländer Jan hilft, Informationen über seine während des Krieges verschollene Tante zu finden – wodurch ein dunkles Verbrechen ans Licht kommt. Und ganz besonders nachdem Rita, eines der Heimkinder, nicht von einem Wettrennen am Strand zurückkehrt … Ein Stück deutsche Geschichte: Inwiefern spiegeln die Ereignisse im Roman die deutsche Vergangenheit wider? Wie wirkten sich die Zustände in den Heimen auf die Lebensgeschichten der betroffenen Kinder aus? Wir Menschen tendieren dazu, gewohnte oder für uns günstige Verhaltensmuster zu wiederholen. So auch die Personen meines Romans. Ihre Erfahrungen sind vom Aufwachsen innerhalb einer faschistischen Gesellschaft geprägt, und so wird Althergebrachtes weitergetragen – wie auch der Umgang mit Kindern als Kampf um Vorherrschaft, der angeblich mit aller Härte zu führen ist. Ein solches System des Machtmissbrauchs hinterlässt Verletzungen. Mein Wunsch ist es, dass wir als Gesellschaft davon Betroffenen Gehör schenken. Autorenfoto: goodfeelography | Stimmungsbilder: Unsplash ..
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