Kurzbeschreibung: Geistwesen waren übernatürliche Geschöpfe, es gab sie überall, in unterschiedlicher Gestalt und Größe – von salzkornkleinen Schrankmilben bis hin zu Grüngeistern, die über Baumwipfel hinwegspähen konnten. Einige waren den Menschen wohlgesinnt, ein paar andere mitunter gefährlich – aber die meisten waren vollkommen harmlos, wenn auch mitunter ein bisschen eigenwillig. Das Problem mit Geistwesen war, dass sie in der Regel unsichtbar waren, und wenn nicht, dann gingen sie oftmals als ganz normale, unauffällige Erscheinungen durch: als Tiere, Pflanzen oder sogar Menschen. Das liege daran, hatte Anis’ Mutter ihr einst erklärt, dass den Leuten bei übernatürlichen Erscheinungen mulmig werde; deshalb wollten sie lieber nichts sehen oder gar nicht erst daran glauben. Für ihre Nachbarn im Dorf war Wolf bloß ein Hund, und wenn er ausnahmsweise mal auf die Größe eines Pferdes anwuchs … Tja. Dann spielte ihnen die Fantasie einen Streich. „Es ist allerdings nicht so, als hätten sie vergessen, wie man Geistwesen sieht“, hatte Melisse erklärt. „Nein, sie haben gelernt, wie man über sie hinwegsieht.“ Dies wiederum bedeutete, dass Menschen manchmal versehentlich mit Geistwesen zusammenstießen, und das führte oft zu Problemen: für die Gärtnerin beispielsweise, die bei der Gartenarbeit unwissentlich den Bau eines Samenschrats beschädigte und dann verblüfft feststellte, dass in ihrem Beet nur noch Unkraut wuchs. Oder für die Familie, die vom Dachboden Schritte hörte, aber nicht ahnte, dass es sich dabei nur um einen freundlichen Schellentänzer handelte, der seinen alten Schuhen mal wieder ein Ründchen gönnte. Und genau hier kamen Herzseherinnen und Herzseher ins Spiel: Sie waren Fachleute für Geistwesen, konnten sie sehen und mit ihnen kommunizieren. Anis’ Aufgabe bestand darin, eine Brücke zwischen der übernatürlichen und der Menschenwelt zu schlagen und ihnen zu einem glücklichen Zusammenleben zu verhelfen. Und sie half nicht nur den Menschen. Hier und da kamen auch Geistwesen zu ihr und baten um Hilfe. Einmal war ein gruselig großer Nusspfeifer in grauer Kutte und Kapuze vor Hunger im Wald zusammengebrochen. Anis hatte ihn mit nach Hause genommen, ihn aufgepäppelt, und zum Dank hatte er ihrem kranken Apfelbaum neues Leben eingehaucht. Ein andermal hatte Anis einen kleinen Grasklopfer in Gestalt eines Kaninchens vor ihrer Haustür vorgefunden, in dessen Hinterlauf ein scharfer Dorn gesteckt hatte. Sie hatte den Dorn entfernt und den Grasklopfer gesund gepflegt, ehe sie ihn wieder hatte laufen lassen. Im selben Jahr waren in ihrem Garten unfassbar viele essbare Pilze gewachsen. Anis’ Mutter war viele Jahre lang die örtliche Herzseherin gewesen. Sie war aus dem tiefen Süden über die Mondberge nach Brück gezogen. Und nun gab Anis sich alle Mühe, das Vermächtnis ihrer Mutter in Ehren zu halten und in deren Fußstapfen zu treten. ..
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