Kurzbeschreibung: Frau Duncan, warum nehmen Sie grundsätzlich Echtfälle als Vorlage für Ihre Romane? Das hat mit meiner Motivation zu tun, die Handlung sowie das Verhalten und die Persönlichkeit der Protagonisten psychologisch möglichst korrekt nachzustellen. Anhand von Echtfällen kann ich das am besten herausarbeiten. Dazu dient mir mein gesamtes, in mittlerweile fast vierzig Berufsjahren erworbenes Wissen als Psychologin. In vielen auch sehr erfolgreichen Romanen aus dem Spannungsgenre werden etwa die Täter in ihrer Persönlichkeit so beschrieben, wie es in der Realität mit höchster Wahrscheinlichkeit niemals vorkommen würde. Je abstruser der Charakter, je unwahrscheinlicher und oft auch grausamer die daraus resultierenden Handlungen, desto mehr wird mit dem Argument „Spannung“ geworben. Daraus können Vorurteile von Laien, zum Beispiel gegenüber psychisch kranken Menschen resultieren. Auch wenn all meine Romane selbstverständlich ebenfalls viele fiktive Elemente enthalten, möchte ich mich von solchen Versuchen, Spannung zu erzeugen, bewusst absetzen. Bereits im Titel ›Wer mit den Wölfen heult‹ klingt ein Thema Ihres Buches durch: Gruppendynamik, Gruppendruck, Korpsgeist. Ein spannendes psychologisches Phänomen, weil … … es gerade in Institutionen wie der Armee, der Marine, aber auch in Polizeibehörden vergleichsweise häufig auftritt und eine große Rolle spielt. Auf den ersten Blick ist der sogenannte Korpsgeist, also die Identifikation mit den Werten und Zielen der Gruppe, zu der man gehört, ein erstrebenswertes Phänomen. Auf der anderen Seite gibt es erschütternde wissenschaftliche Untersuchungen darüber, welche Konsequenzen Abweichler zu befürchten haben, wenn sie sich vom Rest der Gruppe absetzen und gegen die herrschenden Gruppenkonventionen auflehnen. Korpsgeist kann dazu führen, dass eine große Mehrheit auch gravierendes Fehlverhalten einer Minderheit oder einzelner Personen toleriert. Wer den Mut hat, nonkonform zu handeln und sich gegen diesen Gruppendruck aufzulehnen, muss häufig mit harten sozialen Sanktionen rechnen. Dazu gehören an erster Stelle Ausgrenzung, aber auch alle anderen Aktivitäten, die dem Mobbing zuzurechnen sind. Solche Verhaltensweisen ziehen sich nachweislich sogar durch verschiedene Hierarchiestufen. In den Canterbury-Fällen gibt es auch immer kurze Ausflüge in Canterburys Historie. Welche Geschichte spielt in diesem Roman eine Rolle? Es ist die wohl bekannteste Episode aus der Geschichte von Canterbury: Am 29. Dezember 1170 wurde der damalige Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, von vier Rittern des englischen Königs Henry II. grausam erschlagen. Dies geschah während der heiligen Messe am Altar der Kathedrale. Der König bestritt zwar, seinen Rittern eine solche Anweisung gegeben zu haben. Bis heute ist daher unklar, ob er den Befehl tatsächlich erteilte oder ob seine Ritter ihn in vorauseilendem Gehorsam erfüllten. Erwiesen ist allerdings, dass es ein politisch motivierter Mord war, da es zunehmende Spannungen zwischen ..
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