Kurzbeschreibung: Ähnlich wie in Eine Frage der Chemie handelt Ihr Buch von Machtmissbrauch und patriarchalen Strukturen in der Nachkriegszeit. Was macht die 1950er- und 1960er-Jahre so interessant für heutige Leserinnen? Ich glaube, unser Interesse an dieser Zeit geht unter anderem aus einer deplatzierten Nostalgie hervor: Wir stellen uns vor, dass damals alles einfacher und unschuldiger war, bevor die Erfindung des Computers unser Leben auf ungeahnte Weise veränderte. Paradoxerweise handelt es sich gleichzeitig um faszinierende Jahre, die von Umbruch und Veränderung geprägt sind – die Entbehrungen der Nachkriegszeit werden von einem Gefühl der Wiedergeburt und einem wachsenden Wohlstand abgelöst. Die gesellschaftliche und sexuelle Revolution der 1960er-Jahre stellt Frauen neue Verhütungsmittel zur Verfügung – ein gewaltiger wirtschaftlicher Fortschritt und eine Befreiung von den Gefahren einer ungeplanten Schwangerschaft. Die Geburtsstunde des Rock ’n’ Roll, die aufkeimende Jugendkultur und die Erfindung des „Teenagers“ als gesellschaftliche Gruppe mit einer neuen und aufregenden Macht tragen alle zu dem Gefühl bei, dass die alte Ordnung langsam bröckelt. Das ist ein fruchtbarer Boden, aus dem neue Geschichten erwachsen können. Meine Figuren stehen am Rand und schauen mit Beklommenheit auf diese schöne neue Welt. Ihre Protagonisten Helen und William haben beide Beziehungen erlebt, in denen andere die Wahrung der sozialen Norm über das Wohl des Gegenüber gestellt haben. Das ist sicherlich auch der Zeit geschuldet, in der beide leben – zugleich scheint das aber auch ein aktuelles Phänomen zu sein. Woran liegt das? Und was bringt uns dazu, solidarischer und empathischer zu handeln? Viele der Figuren werden von der Angst zurückgehalten, was andere über sie denken, und es wird viel darüber diskutiert, was als „normal“ gilt. Die Gesellschaft neigt dazu, Konformität auf Kosten des Individuums zu belohnen, und ich glaube, daran hat sich nichts geändert, auch wenn sich seitdem vielleicht die Grenzen verschoben haben. Wenn wir uns vorstellen, dass Fortschritt stets linear von Unwissenheit zu Aufklärung verläuft, machen wir uns nur selbst etwas vor. Ich habe schon immer angenommen, dass wir durch Literatur einfühlsamer werden – wir versetzen uns in die Lage der Figuren und erlangen ein Verständnis für Leben, zu denen wir anders keinen vorstellbaren Zugang hätten. Das ist das Schönste am Lesen. Allerdings frage ich mich, ob sich diese Momente der Erleuchtung auch wirklich in aktives Handeln übertragen. Auf der Suche nach Williams Lebensgeschichte findet Helen ihre eigene Selbstwirksamkeit. Brauchen wir die anderen, um uns selbst zu befreien? Das ist eine spannende Frage – ich würde sagen, wir brauchen die anderen, um nicht nur auf der grundlegendsten materiellen Ebene zu existieren. Meine Romane handeln oft von Figuren, die ein scheinbares Ziel verfolgen und irgendwann feststellen, dass ihr eigenes Leben dabei zum Kentern gebracht wird. Fa ..
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